
Maryanne Becker
ISBN13-Nummer: 9783837065473
88 Seiten, Paperback mit zahlreichen s/w Fotos
Preis: 8,90 €
Verlag: Books on Demand
Gedichte , Geschichten und Photographien laden den Leser ein, über Verluste nachzudenken, Hoffnung und Zuversicht zu schöpfen und die Erinnerung wach zu halten. Geliebte Menschen, die diese Welt verlassen mussten, Gefühle und Sinne, die verloren scheinen, sind nicht wirklich verschwunden. Ehre und Würde können niemandem wirklich genommen werden, nicht den Ausgestoßenen, weil sie anders sind, nicht den Völkern, die sich nicht unterdrücken ließen.
Hier einige Bilder aus dem Buch:

© Maryanne Becker

© Peter Strobel

© Peter Strobel
Leseprobe:
Die Vorstadtstraße liegt unter einem milchigen Nebelschleier, alles ist vollkommen still, nur die gregorianischen Gesänge in meinen Ohren zeugen von der Tatsache, dass ich lebe. Ich scheine zu schweben, meine Schritte berühren das Kopfsteinpflaster nicht, ich spüre mich nicht. Nirgendwo sind die Sänger auszumachen. Ich muss sie finden!
Mein Haus: Irgendwie bin ich hingelangt. Ganz deutlich kann ich es sehen, die Konturen, jeden einzelnen roten Backstein. Die Sänger müssen drinnen sein, das ist sicher! Ich werde hinein gehen und sie bitten, ein wenig innezuhalten, ich will wissen, warum sie immer wieder dasselbe singen und niemals aufhören.
Während ich die Klinke ergreifen will, reihen sich – fallenden Dominosteinen gleich – lauter Backsteine vor die Tür. Von oben fällt eine Strickleiter herab. Irritiert schaue ich hoch und sehe sie im Fenster: Gestützt auf einem schmierig blauen Sofakissen, den riesigen Busen in einem ausgeleierten grauen Sweatshirt, das wabbelnde Doppelkinn, die Leiter-Enden fest im Griff haltend! Ihr hämisches Grinsen verdeutlicht mir die Ausweglosigkeit meiner Lage. Sie bewegt die Lippen, aber sie redet nicht mit mir. Sobald ich versuche, die Stricke zu fassen, zieht sie die Leiter ein wenig höher. Sorgsam überlege ich die Worte: ich muss sie überzeugen, dass es mein Haus ist, dass ich die Sänger finden muss. Das Dröhnen in meinem Kopf lässt nicht nach. Ich habe keine Zeit zu verlieren, sie wird mir nicht freiwillig helfen, alles hängt von meiner treffenden Formulierung ab. Warum redet sie nicht mit mir? Oder ist die Musik so laut, dass sie ihre Tiraden übertönt? (…)
„Psychiatrie“ steht auf einem der weißen, vergitterten Autos. Alles Berechnung, sie lassen mich mit Absicht immer wieder fliehen und rennen, damit ich am Ende so erschöpft bin, dass sie mich mühelos in die Zwangsjacke stecken und abführen können. Meine gehetzten Schreie werden von einem seltsamen Nebel aufgesogen, der wie Watte über der Szenerie liegt. Die Mönche singen laut und falsch, sie zu übertönen ist unmöglich. Noch lassen mich die weißen Männer entwischen, sie machen sich einen Spaß daraus, denn aus dem Kreis kann ich nicht ausbrechen. Die Frau im Fenster genießt ganz offensichtlich dieses Schauspiel: Logenplatz.
Nun haben sie mich, rütteln und schütteln mich, zerren an mir! Ich blicke in ihre widerlichen Fratzen, will ihnen die Augen auskratzen, aber ich bin völlig gelähmt.
In Schweiß gebadet, zitternd mit wunden Stimmbändern wache ich auf. An meinem Bett stehen meine Kinder, legen beruhigend ihre Finger an die Lippen, streichen über meinen Kopf, bringen mir ein Glas Wasser. Mit krächzender Stimme frage ich, was geschehen sei. Ich kann meine eigenen Worte nicht hören. Die gregorianischen Gesänge dröhnen weiter in meinem Kopf: Tinnitus! Ich habe mein Gehör verloren, und ein Stück von mir.